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Bye-Bye Bielefeld

Eigentlich wollte ich ja nie nach Bielefeld. Vor etwa 3,5 Jahren fand ich die Vorstellung, dort die folgenden 5 Jahre zu verbringen total schrecklich. Überhaupt hatte ich bis dahin von diesem ominösen Bielefeld noch nie etwas gehört und konnte mir gar nichts darunter vorstellen.

Doch wie es so ist im Leben, kommt doch alles anders. Jetzt sind noch keine fünf Jahre vergangen und ich vermisse diese dämliche Stadt. Oder eher gesagt, die ganzen Menschen dort, die mir so sehr ans Herz gewachsen sind: Die vielen guten Freunde, die einen auf dreiste Anfragen spontan durch Bielefeld fahren, sei es zum Baumarkt, zum Bahnhof oder zu einer Freundin, die ihre Wohnung für Parties zur Verfügung stellen, mit denen man Kaffee trinkt, Volleyball spielt, Schlittschuh laufen geht (oder das zumindest vorhat), die viel Müll mitmachen und sich noch viel mehr davon anhören, die einem helfen, wenn Not am Mann ist und einem ganz simpel und wie selbstverständlich auch einfach mal das Leben retten. Nicht zu vergessen, die wunderbaren Kinder, auf die ich aufpassen durfte und ihre Familien, die mir so sehr vertraut haben. Eigentlich viel mehr, als man zum Leben braucht. Mein Bielefeld.

Ich muss sagen, ich war schon schwer beeindruckt, dass alle das Motto der Geburtstags-/Abschiedsparty so kreativ umgesetzt haben! Eigentlich hatte ich ja auch vor, mich nochmal so richtig schön mit jedem zu unterhalten, aber irgendwie hat das wohl nicht so geklappt. Nachdem die ersten fünf Menschen da waren, hatte ich schon den Überblick verloren und egal, ob ich mal eben zu wem rüberwollte, oder mir was zu trinken oder zu essen holen wollte, hatte ich das Gefühl, ständig auf dem Weg irgendwo oder bei irgendwem hängen zu bleiben, so dass ich mein jeweiliges Ziel frühestens im dritten Anlauf erreichte, wenn überhaupt. Was das Trinken angeht, war das wohl auch besser so *lol* und wer mich kennt, der weiß ja, dass ich eh selten den geraden Weg nehme. Wer keine Umwege macht, verpasst doch das Beste im Leben! Ich hoffe, dass sich keiner vernachlässigt fühlte und ihr alle mindestens genauso viel Spass hattet, wie ich. Eigentlich hatte ich mir ja auch vorgenommen, tapfer zu sein und nicht zu heulen, aber spätestens, als ich die Uhren überreicht bekommen habe, war es bei mir komplett vorbei. Ich hoffe, ich bringe die drei Zeiten nicht vollkommen durcheinander, wenn es daran geht sie auf Sommerzeit (zumindest die beiden europäischen Uhren, in Australien wird’s ja Winter) umzustellen! Und der Volleyball ist auch der Hammer, aber über die Surfer müssen wir nochmal reden ;) Ihr seid einfach unglaublich! Am Ende war’s dann doch ziemlich traurig. Ich glaube, ich kann machen, was ich will, ich werde euch alle vemissen (auch wenn ich mir Mühe geben werde, damit das nicht ausufert) und ich hoffe, ich fehle euch auch ein bisserl!

Der Abschied ist mir ganz und gar nicht leicht gefallen und momentan schwanke ich minütlich zwischen der Vorfreude auf Australien und dem Wunsch, einfach wieder in den Zug zu steigen und zurück nach Bielefeld zu fahren. Meine Familie macht es mir auch nicht grad einfacher. Was machen die nur alle für ein Drama? Ob nun Italien, England, Belgien oder Australien, ob nun drei oder sechs Monate, wo ist denn da der Unterschied!? Und wehe, jetzt kommt einer an und erklärt mir den Unterschied! Sorgt gefälligt dafür, dass ich in das Flugzeug steige! ;)

Bad Taste

Viele letzte Male

Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?

Diesen Satz habe ich vermutlich das erste und letzte Mal in einer Kettenmail gelesen. Die Zeit der ersten Male ist noch nicht angebrochen, das dauert noch ganze 11 Tage. Im Moment fallen mir eher die letzten Male, oder mit weniger Dramatik und etwas mehr Realismus, die vorerst letzten Male ins Auge.

Ein paar davon habe ich auch schon hinter mich gebracht und gestern abend ist die Abschiedsstimmung dann auch bei mir aufgekommen. Ganz unvermutet war sie plötzlich da. Nach einem langen, anstrengenden und ziemlich vollgepackten Tag hat es mich überfallen. Wurde ja auch langsam mal Zeit, nicht, dass mir erst im Flugzeug auffällt, dass ich tatsächlich nach Australien fliege!

Heute habe ich das letzte Mal auf meine beiden Frösche aufgepasst. Die beiden waren superlieb und wir haben ganz viel gekuschelt. Ist werd die zwei auf jeden Fall sehr vermissen und hoffe, es geht ihnen gut bei der neuen Tagesmutter. War auch nicht so leicht, sich von so einer lieben Familie zu verabschieden, aber wir waren alle sehr „tapfer, keine Geheule, sondern eher rumgealbere. Wollten mir weismachen, Sydney wäre überschwemmt, da brauch ich gar nicht erst hinfliegen *gg*. Ich musste versprechen, mich nicht von Haien fressen zu lassen und Mails zu schreiben. Zum Abschied bekam ich die Simpsons-DVD, die die Kinder mir erst überließen, nachdem sie den Beweis hatten, dass es nicht ihre ist (sicher ist sicher) und dazu Wein und Pralinen.

Ein weiteres letztes Mal fällt mir etwas leichter: Dies ist die letzte Nacht in meiner Wohnung. Meine Nacnhbarn haben gestern Nacht nochmal dafür gesorgt, dass ich das Studentenwohnheim mit Sicherheit nicht vermissen werde… Bis eben habe ich noch geputzt und geschrubbt. Morgen muss ich nur noch den Müll rausbringen, meine restlichen Sachen packen, die Wohnung abgeben und dann geht’s erstmal zu Julia zur Vorbereitung auf die Party und noch mehr Abschiede. Ich hab schon in den letzten beiden Tagen so viel zu Julia gebracht, für die Party und was ich mit nach Hause nehme, dass sie bereits den Eindruck bekam, ich wolle nun bei ihr einziehen. Keine Panik Julchen, Übermorgen bin ich weg! Ich räum auch vorher auf ;)

Komisches Gefühl, zu wissen, dass ich bald Bielefeld für so lange Zeit verlasse, vor allem, wenn man bedenkt, dass mir vor 3,5 Jahren zum Schreien zu Mute war bei dem Gedanken, die nächsten 5 Jahre hier zu verbringen. Und damit sind keinesfalls Freudenschreie gemeint! Wie sich Meinungen doch im Laufe der Zeit ändern. Mit Ostwestfalen muss man sich halt erst langsam anfreunden…

Faszination Camping

Vor wenigen Stunden habe ich mich nun auch von den mir letzten gebliebenen Zeichen moderner Zivilisation verabschieden müssen. Eingetütet gegen eventuelle Feuchtigkeit hat mein Wasserkocher gemeinsam mit meinem Toaster und diversen anderen praktischen Errungenschaften der Menschheit, wie Topf, Geschirr, Besteck, Tasse usw. eine Pappkarton-WG in Judiths Keller gegründet.

Ohne die beiden ist es ziemlich leer hier und ich muss sagen, so langsam komm ich mir vor wie eine Mischung aus Höhlenmensch und Camper. Letzteres, weil Bettdecke und Kissen schon vor 10 Tagen umgezogen sind und ich nun allabendlich vor einer Entschiedung stehe: zippen oder offen lassen. Ich sag euch, so ein Schlafsack ist eine laute Angelegenheit, raschelt bei jeder Bewegung. Wer sich das wohl wieder ausgedacht hat… Muss wer mit einem tiefen Schlaf gewesen sein, bei dem Lärm, den das Dingen verursacht!

Zusammen mit dem Weckerpiepen oder dem Morgengrauen, je nachdem, wer das Rennen gewinnt, erwacht dann auch der Höhlenmensch in mir. Gut, waschen und kämmen ist noch drin, aber genau wie unsere Vorfahren muss ich zur Nahrungssuche das Haus verlassen, es gibt zwar eine Feuerstelle hier, aber kein passendes Equipment mehr, also auch keinen Grund, Vorräte zu sammeln. Ein Hoch auf den Jagdinstinkt!

Is schon komisch zu sehen, wie die Wohnung so langsam leer und leerer wird. Immerhin habe ich hier 7 Semester lang gewohnt. Und plötzlich muss ich heizen… Leere Wohnungen kühlen anscheinend schneller aus, oder es ist die emotionale Kälte, die weiße Wände auf mich abstrahlen.

Fernseher und Radio haben mich auch bereits vor einiger Zeit verlassen, aber immerhin haben sie ein Andenken zurückgelassen: die Fernbedienungen. Ziemlich nutzlose Geräte, wenn es nichts fernzubedienen gibt, bzw. wenn die Ferne einfach zu groß ist. Gut, würde mir jetzt auch wenig bringen, wenn ich mein 200 km entfernt stehendes Radio anstellen könnte, so laut wird es leider nicht, dass man es bis hierher hören könnte. Und plötzlich ist der Laptop das einzige Informations- und Unterhaltungsmedium. Aber bietet immernoch Ablenkung genug um all die Dinge nicht zu tun, die ich noch bis zur Abreise erledigen sollte, allen voran das Fallbeispiel, was längst schon fertig sein gewollt hätte (soll is ja erst Ende März). Liegt wohl daran, dass mich das nicht an der Ausreise hindern kann.

Morgen wird es ernst (wie oft hab ich das schon gesagt, bzw. gehört?), da reich ich meinen Antrag auf ein Urlaubssemster ein und geb meine Bescheinigung fürs BaföG zum Unterschreiben ab. Mal sehen, ob ich was kriege, so in 4-6 Monaten…

Was das ernst werden angeht…hm…was soll ich dazu sagen? Ich bin eigentlich noch ziemlich ruhig, das Ganze fühlt sich noch ziemlich weit weg an, obwohl ich gestern das pre-departure-whatever von der Agentur bekommen habe. Inhalt: eine Tasche mit Orga-Aufdruck (schön ist irgendwie was anderes…quietscheentengelb, weiß, extremer Plastik“geruch“), ein T-shirt mit Orga-Aufdruck („passt gut“ meinte mein Patenkind, musste es allerdings zwecks Atmung wieder ausziehen), Unterlagen, in denen nochmal das steht, was ich schon mindestens 3mal geschickt bekommen habe und das wichtigste: die Tickets! Gefreut hab ich mich, so dolle, dass mein Patenkind erst mal alles inspizieren musste, bevor sie sich an ihre Hausaufgaben setzen konnte.

Die ersten Abschiede habe ich auch schon hinter mir, aber irgendwie kommt mir auch das noch ziemlich unwirklich vor. Mal sehen, ob mich die Party am Freitag auf den Boden der Tatsachen holen kann. Immerhin sitze ich in 14 Tagen um diese Zeit im Flugzeug und habe vermutlich auch schon den Tankstop in Singapur hinter mir. Trotzdem hab ich mehr so das Gefühl, ich hab noch mindestens vier Monate Zeit bevor es losgeht, also keinen Grund zur Panik oder gar zur Eile…


Kleine Anekdoten

Jane: "We should do something before you go. Maybe go out for lunch or dinner. Or we should have drinks and go out. I haven't seen you drinking!" Ich: "You don't wanna see that, believe me ;)" Jane: "What would you like to do?" Ich: "Stay here?!" Jane: "Oh yeah! Could you arrange that?"

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