Ihr habt ja keine Ahnung, was hier abgeht
Gestern abend frag ich meine Gastmutter, wann wir denn losmüssen, weil sie mich ja heute morgen zum Bahnhof fahren wollte. Fragt sie mich doch glatt, ob sie mit mir nach Penrith fahren soll, um sicher zu gehen, dass ich dort in den richtigen Zug steige, oder ob ich das mit dem Umsteigen wohl hinkriege! Und das war kein Scherz! Hab sie dann davon überzeugen können, dass ich schon groß bin und das hinkriege. Heute morgen dann das nächste Ding: Ob ich ein Sandwich mitnehmen möchte. Ich sag klar und frühstück erst mal weiter, weil ja immer noch genug Zeit war, dass ich das danach mache. War dann kurz oben um meine Zähne zu putzen und als ich runterkomme, drückt sie mir ein Sandwich und nen Müsli-Riegel in die Hand! Ich guck das Dingen an und denke: Mann, das is das erste Mal seit Jahren, dass mir wer ein „Schulbrot“ zum Mitnehmen gemacht hat! Dann hat sie mich vorhin auch auf Anruf vom Bahnhof abgeholt und das war sooooo niedlich! Meint sie, sie hat schon überlegt, ob sie mich so gegen eins mal anruft um zu hören, ob ich auch gut angekommen bin und alles glatt lief mit den Zügen. Sie hat’s dann aber doch gelassen, weil sie dachte, wenn was ganz fies verkehrt gelaufen wäre, hätte ich mich schon gemeldet… *lol* Und alle haben gleich gefragt, wie’s war und ob es mir gefallen hat.
Bei der Arbeit waren auch alle total süß. Ich bin da so gegen 20 nach 9 aufgeschlagen (also um viertel vor 7 hier aufgestanden, Zug um 7.54 genommen) und hab erstmal ne Tasse Tee bekommen. Dann meinte meine Chefin, sie wäre nicht sicher gewesen, ob ich überhaupt noch komme, weil meine AIFS-Internship Managerin wohl vor ner Woche oder so ne Mail geschrieben hat, dass sie aufhört (dabei macht sie noch part-time weiter und hat ja auch noch meine Orientation am Freitag gemacht – oh und sollte ne Mail schreiben, wann ich heute bei Arbeit antrete….nix). Aber relaxxt wie die Aussies sind, hätte sie sich erst erkundigt, wenn ich nich im Laufe des Tages vorbeigekommen wäre… War ziemlich erstaunt, die Gute, dass ich so weit weg wohne und konnte das kaum glauben. Aber ein bisserl rumgbastel an meinem Einsatzplan und es wäre erstmal kein Problem, wenn ich immer den Zug so wie heute nehmen würde. Jeden Tag bin ich einem anderen Teammitglied zugeteilt und mache das, was sie machen. Das bedeutet auch, dass ich jeden Wochentag etwas anderes mache. Montags bin ich Blackheath, also ziemlich weit oben in den Blue Mountains (supported playgroup und home visits), Dienstags bei Connect in Hazelbrook (classroom und home visits), Mittwochs begleite von Hazelbrook aus jemanden, der verschiedene child care centres besucht um da die Leute zu unterstützen, Donnerstags bin ich bei MOCS, der Partner-Organisation von Connect, zwar auch in Hazelbrook, aber woanders und Freitags (vermutlich hab ich da auch früher frei) mache ich die eine Woche das, was ich Mittwochs mache und jeden zweiten Freitag muss ich nach Springwood zu einer anderen supported playgroup, die auf halbem Weg nach Hazelbrook liegt. Also alles ziemlich abwechslungsreich! Hab auch zu jedem Ort eine kleine Karte ausgedruckt bekommen, auf der der Bahnhof und der Punkt, wo ich hinmuss, markiert sind. Oh und Donnerstag soll ich nicht direkt zu der anderen Pre-school in Hazelbrook gehen, nein, ich soll erst in die entgegengesetzte Richtung zu connect laufen und werde von da aus von wem zur Preschool gefahren, damit ich erstmal weiß, wo ich hinmuss! Die Aussies scheinen echt ne Riesenangst zu haben, dass man sich in ihrem Land verläuft und nie wieder nach Hause findet! Nur, weil das Land größer ist als Europa, heißt das ja noch lange nicht, dass ich abhanden komme
Jedenfalls waren alle dort supernett und ich hab gleich in der Klasse mit den behinderten Kindern anfangen können. Heute waren nur vier da und wie die beiden Betreuerinnen sagten, ein sehr ruhiger Tag. Alle Kinder in der Gruppe haben Entwicklungsverzögerungen, bei einem ist eindeutig Autismus diagnostiziert und ein anderer hat eine leichte Form der Kinderlähmung, bei den anderen beiden gibt es bisher keine oder keine eindeutige Diagnose. Mit den Kindern wird neben dem normalen Reden auch viel über Zeichensprache und Bilder/Fotos kommuniziert, damit sie ausdrücken können, was sie wollen, auch wenn sie die Worte nicht kennen, aussprechen können oder auch wenn sie auf Sprache an sich eher schlechter reagieren als auf visuelle Reize. So richtig viel konnte ich heute noch nicht machen, weil es ja doch ganz anders ist, als in einem Regelkindergarten. Es gibt spezielle Schlüsselwörter, andere Routinen und Umgangsformen und auch der individuelle Stand der Kinder ist total unterschiedlich. Da muss man erstmal rausfinden, auf was sie reagieren, was sie können und was sie gern machen. Auf jeden Fall aber eine spannende Sache. Nachdem die Kinder um halb eins alle abgeholt wurden, hat mir die Gruppenleiterin zusammen mit einer, die bald dort als Aushilfe anfangen wird, etwas über jedes Kind und dem Ablauf in der Gruppe erzählt. War total interessant, weil da auch die Dynamiken unter den Kindern klar wurden und was normalerweise so abläuft, wenn kein ruhiger Tag ist. Danach gab’s ne kurze Lunchbreak, die ich mit Lisa (der Gruppenleiterin) und ich glaub Ruby, im Staffroom verbracht habe, da sie noch einiges über die home visits und so zu erzählen hatten. Zum Abschluss hab ich dann noch von Lisa zwei Akten bekommen und konnte so noch einiges über zwei der Kinder erfahren. Jedes Kind hat seine eigene Akte und darin wird unter anderem festgehalten, was das Kind gerade macht und kann, also der aktuelle Stand, dann was als nächstes gefördert werden soll (z.B. Kommunikation, Sozialverhalten, usw.), wie das erreicht werden soll, also die Maßnahme und woran man erkennt, dass das Ziel erreicht ist. Das hat mich doch arg an mein Konzeptionsseminar erinnert (ne, Judith…). Daneben sind da noch Formulare drin, die die Eltern ausgefüllt haben über die Vorlieben und Abneigungen, aber auch die Kommunikationsfähigkeiten ihrer Kinder, Diagnosen und Berichte von Ärzten und Therapeuten, also quasi eine komplette Anamnese. Total interessant, aber natürlich streng vertraulich.
Und schwupp hatte ich auch schon wieder frei, war aber auch schon viertel nach drei. Die Zugfahrt an sich kam mir gar nicht so lang vor, aber es gab auch ne Menge zu sehen. Die Strecke hoch in die Blue Mountains ist echt total malerisch. Man kann teilweise kilometerweit sehen, über die Hügel und die Eukalyptuswälder. Und hinten in der Ferne erkennt man auch den leichten Blauschimmer über den Tälern, der den Blue Mountains ihren Namen gab. Auf der einen Seite sieht man nur grobe Steinwände und auf der anderen dann diesen unglaublichen Ausblick. Einfach schön und vor allem total anders als die Lanschaft, die man zu sehen bekommt, wenn man Richtung City fährt. Ich glaube sogar, dass ich auf dem Rückweg zwei Koalas im Baum hab hängen sehen, aber der Zug war schon vorbeigefahren, bevor ich nochmal richtig hinschauen konnte.
Aber da werd ich dann morgen mal die Augen offen halten. Ich werde morgen noch nicht das normale Mittwochsprogramm machen können, weil die Frau, mit der ich morgen rumhängen soll Urlaub hat und erst näWo wieder da ist. Dafür bin ich dann erstmal im Office und mach da irgendwas mit nem Computerprogramm, von dem ich (noch) keine Ahnung habe. Hauptsache es wird nich langweilig, oder übersteigt gar meine Fähigkeiten *lol*
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